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Der letzte Rest vom Eisernen Vorhang
Die Schildbürger von Szelmenc

18.10.2009 a WDR/5 -on "Alte und Neue Heimat", 09h20

Der letzte Rest vom Eisernen Vorhang
Ein dreigeteiltes Dorf

Im Grenzgebiet zwischen der Slowakei, der Ukraine und Ungarn liegt ein Dorf, das noch heute dreigeteilt ist. Dort leben scheinbar friedlich Ungarn, Slowaken und Ukrainer zusammen. Dennoch braucht man für den ukrainischen Teil des Dorfes ein Visum, und die slowakische Verwaltung bemüht sich darum, das Dorf wirtschaftlich und kulturell vom benachbarten Ungarn zu isolieren.

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Anat-Katharina Kalman

Das entzweigesperrte Dorf - wo der Eiserne Vorhang noch existiert

ATMO.... Kinder singen ein Kinderlied, im Hintergrund Menschen, die sprechen.... da hinein Sprecherin

Sprecherin Heute ist wieder Volksfest. Und die Bewohner aus dem Zwillingsdorf Kisselmenc/ Kleinszelmenc und Nagyszelmenc/Großszelmenc können ungezwungen beisammen sein, bei Sertés-Tokány und Bier. Fünf Schweine wurden dafür geschlachtet, die Schulen organisierten Kinderspiele, der katholische Priester und calvinistische Pastor planten den ökumenischen Freiluftgottesdienst, der Ombudsmann der ungarischen Minderheitenpartei der Slowakei kam mit einer schönen Rede aus Bratislava und die schwarzhaarigen Roma Mädchen probten mit ihren goldroten und blauen Röcken einen Zigeunertanz ATMO.... Aufnahmen des Zigeunertanz anspielen...die Menschen klatschen mit und rufen etwas dazwischen....

Nun essen, feiern und tanzen sie gemeinsam in diesem Zwillingsdorf mit den schön renovierten Häusern und gepflegten Gärten. Doch die scheinbare Harmonie trügt - erklärt der ungarische Schriftsteller Miklós Zelei.

Zuspiel Miklós Zelei Ungarisch Hier mitten durch unser Dorf verläuft eine Grenze. Kiss-und Nagyszelmenc waren ursprünglich ein Dorf gewesen: Szelmenc. Erst war es der Eiserne Vorhang, den die Sowjets 44 hier errichteten und nun ist es die östlichste Grenze der EU - die Schengen-Grenze. Für uns hier ist es fast das Gleiche, denn mit dieser Grenze wird Druck gemacht. Die slowakischen, wie die ukrainischen Behörden hätten gerne, dass die beiden Dorfteile verschwinden und hier nur leeres Grenzland bleibt. Denn die Leute sind zu 98 Prozent Ungarn. Nagyszelmenc gehört zur Slowakei und Kisszelmenc zur Ukraine. Diese Grenze ist unser größter Feind. Sie hat alles überlebt: Perestroika, politische Wende und sogar die EU-Mitgliedschaft der Slowakei

Sprecherin Die Szelmencer denken gar nicht daran, von hier wegzuziehen, sondern trotzen den slowakischen und ukrainischen Behörden wie die heldenhaften Gallier Obelix und Asterix den Römern. Nach der politischen Wende bauten sie ein Kulturzentrum, und eine neue Kirche, organisierten gemeinsam Schüleraustausche mit holländischen und ungarischen Schulen. Und 2004 schickten sie ihre beiden Bürgermeister zur Menschenrechtskommission des amerikanischen Kongresses nach Washington, um durchzusetzen, dass das Dorf zumindest einen eigenen Grenzübergang bekommt.

Jahrzehnte lang trennte eine 5 Meter hohe Hecke die beiden Dorfteile. Und bis 1989 war es unter Androhung von harten Gefängnis-strafen verboten, über diese Hecke hinweg zu sprechen oder einander auch nur zuzuwinken. Der ungarische Schriftsteller Miklós Zelei erinnert sich an diese Tage

Zuspiel Miklós Zelei Ungarisch Damals sang man laut, wenn man sich in der Nähe der Grenze aufhielt. Irgendeine ungarische Volksliedmelodie... aber mit einem anderen Text... mit Nachrichten für die Verwandten drüben. Józsi...meghalt az anyád... Josef, Deine Mutter ist gestorben... trallala...trallala.... Die Slowaken und Ukrainer hörten nur die Melodie.

Sprecherin Im Jahre 2000 wurde zwar niemand mehr bestraft, man konnte auch schon ein Einreisevisum in die Ukraine bekommen, doch wer von Nagy- nach Kissszelmenc wollte, musste einen Umweg machen. Statt 50 Meter zu laufen, ging es 2mal 80 km zum nächsten Grenzübergang hin-und zurück. Dann machte Washington Druck und am 23. Dezember 2005 öffnete endlich ein kleiner Fußgänger und Fahrrad-Grenzübergang mit durchsichtigem Stacheldrahtzaun. Täglich von morgens acht Uhr bis abends acht Uhr - also 12 Stunden lang - sollte er offen sein. Nur: In Kisszelmenc liefen die Uhren nach Kiewer Zeit und in Nagyszelmenc nach mitteleuropäischer Zeit. So wurden aus den 12 Stunden erst einmal 10. Nach vielem Hin-und Her fand man schließlich die Lösung: man gründete eine "Grenzzeit", eine Zeit, die es nur an diesem Grenzpunkt gibt. Die einen stellten die Uhr eine halbe Stunde vor, die anderen eine halbe Stunde zurück - die Szelmencer Zeit war geboren.

Bis dann im Jahr 2007 neue Probleme auftauchten - wie József Illár, der Bügermeister von Kisszelmenc, von ukrainischen Teil des Dorfes, erzählt.

Zuspiel József Illár Ungarisch Bis zum Inkrafttreten des Schengener Abkommens war ein Visum in die Slowakei kostenlos. Das änderte sich und nun hatten wir das Problem, dass man mit einem slowakischen Visum jeweils nur einmal einreisen durfte. Das Visum nimmt im ukrainischen Pass aber jedes Mal eine ganze Seite in Anspruch und die Pässe bei uns sind sehr dünn und sehr teuer. Unbezahlbar selbst für die, die Arbeit haben. Ein ungarisches Visum ist dagegen ein halbes Jahr lang gültig und ermöglicht mehrere Einreisen. Also beantragten natürlich alle ein ungarisches Visum.

Sprecherin Daraufhin erließen die slowakischen Behörden die Vorschrift, dass ein ungarisches Visum in der Slowakei nur ein Transitvisum ist. Das gilt bis heute. Dafür fanden die Szelmencer aber auch wieder schnell eine Lösung. Kisszelmencer Schüler, die zum Austausch nach Nagyszelmenc kommen, werden, müssen zu Fuß den Grenzübergang überschreiten. Von da werden sie kostenlos mit einem Bus abgeholt und sechzig Kilometer weiter zur ungarischen Kleinstadt Sátoraljaújhely gebracht. Dort gehen sie eine Stunde lang spazieren. Dann werden sie an die slowakische Grenze zurückgefahren, bekommen da den notwendigen Stempel und kehren im Bus genau an den Punkt zurück, von wo aus sie am morgen losgefahren sind. Kommen sie im Dorf an, ist es meistens früher Nachmittag. So wie heute - weshalb Volks-und Schulfeste hier immer erst um 14 Uhr beginnen. ATMO.... Kinderstimmen spielen und singen... Trotzdem: Die Szelmencer sind zufrieden. Zur Zeit laufen wieder Verhandlungen zwischen Ungarn, der Ukraine und der Slowakei für ein Abkommen zum kleinen Grenzverkehr - das heißt, Bewohner einer fünfzig Kilometer breiten Grenzzone sollen sich mit einem Sondervisum problemlos im jeweiligen Grenzbereich des Nachbarlandes aufhalten dürfen. Doch noch gibt es dazu keine Vereinbarungen. Stattdessen trat ab dem 1. September das neue slowakische Sprachgesetz in Kraft, das der ungarischen Minderheit unter Strafandrohung verbietet, auf öffentlichen Plätzen, in Ämtern und Büros Ungarisch zu sprechen. ATMO... Die hier auf Ungarisch singenden Menschen stört das im Augenblick jedoch nur wenig - denn - da sind sie sich sicher - im Notfall wird ihnen schon wieder etwas einfallen. ATMO....

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7.11.2009 a "Weltzeit"-on hr2-kultur | Weltzeit, 12h05

Die Schildbürger von Selmence
Ein grenzenlos slowakisch-ukrainisches Dorf

Grenze zwischen Slowakei und Ukraine

Die Berliner Mauer ist gefallen, Europa ist nicht mehr geteilt - Ost und West sind eine einzige große EU-Familie. Das wird nun im Herbst 2009 gebührend gefeiert werden. Doch zwischen der Slowakei, der Ukraine und Ungarn liegt ein kleines Dorf, das von dieser Vereinigung nicht profitieren konnte.

 Denn immer noch schneidet ein Rest des Eisernen Vorhangs - heute die Schengengrenze - das Dorf in zwei Teile: in das ukrainische Kisselmec/Maly Selmenci und das slowakische Nagyszelmenc/Velke Selmence. Im Dorf selbst leben zu alledem noch Ungarn und ungarisch-sprachige Roma, zwei in der Ukraine und in der Slowakei wenig geschätzte Minderheiten. Und die kämpfen seit 1990 eisern und vor allem auch gemeinsam für ihr Recht, über diese Grenze hinweg "ein" Dorf bleiben zu dürfen. Das ist nicht leicht, denn absurde Visa-Gesetze einer nicht minder hermetisch geschlossenen Schengengrenze und Schikanen der ukrainischen und slowakischen Behörden machen ihnen das Leben schwer. So bleibt ihnen nichts anderes übrig, als äußerst originelle Wege und Umwege zu finden, um sich zu treffen, um die Schüler aus den Schulen zusammenführen zu können, um gemeinsam kulturelle Aktivitäten und große Musikfeste zu organisieren. was aus den Selmencern mittlerweile so etwas wie osteuropäische Schildbürger macht.

Anat Kalman sprach unter anderem mit dem ungarischen Schriftsteller Miklos Zelei.

   
2004. © Zelei Miklós. Minden jog fenntartva!
E-mail: info@zelei.hu